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Negative Strom­preise

Lesezeit: 5 Minuten

Inhaltsverzeichnis

In den letzten Jahren haben sich die Energie­märkte weltweit stark verän­dert. Eine der faszi­nie­rendsten Entwick­lungen ist das Phänomen der negativen Strom­preise. Sie treten auf, wenn die Strom­ein­spei­sung durch Wind oder Sonne höher ist als der Strom­ver­brauch. Wird Strom bei negativen Markt­preisen einge­speist, muss dafür bezahlt werden und es werden nicht wie gewohnt Erlöse erzielt. Was auf den ersten Blick paradox erscheint, hat tiefgrei­fende Auswir­kungen auf Verbrau­cher, Energie­ver­sorger und die gesamte Energiewirtschaft.

Was sind negative Strompreise? 

Negative Strom­preise entstehen, wenn das Angebot an Strom die Nachfrage übersteigt. Dies kann durch verschie­dene Faktoren verur­sacht werden, wie z.B. eine hohe Einspei­sung von erneu­er­baren Energien (Wind- und Solar­energie) bei gleich­zeitig geringer Nachfrage. Speist man Strom bei negativen Markt­preisen ein, erhält man keine Erlöse, sondern muss dafür bezahlen. Fällt der Preis also unter null, werden Strom­pro­du­zenten nicht mehr von den Strom­ab­neh­mern bezahlt, sondern letztere bekommen sogar Geld für den „Kauf“ von Energie. In Deutsch­land spielt die Energie­wende eine zentrale Rolle, da der Anteil erneu­er­barer Energien am Strommix stetig wächst. Beson­ders an Feier­tagen oder durch unvor­her­seh­bare Krisen­si­tua­tionen, wie zum Beispiel die COVID-19 Pandemie, kann das Phänomen negative Strom­preise auftreten. So kommt es an Tagen mit viel Wind und Sonne ggf. zu einem Überan­gebot, was wiederum die Preise in den negativen Bereich drückt.

Seit wann und warum gibt es negative Strompreise?

Seit September 2008 sind negative Strom­preise am Spotmarkt der Energie­börse EEX erlaubt. Zustande kam dies auf Wunsch vieler Markt­teil­nehmer, insbe­son­dere im Umfeld der erneu­er­baren Energien. Sie hofften, dass konven­tio­nelle Kraft­werke ihre Produk­tion dadurch besser an die Einspei­sung von Wind- und Solar­energie anpassen und flexi­bler gestalten würden. Vor der Zulas­sung negativer Preise lag der niedrigste Gebots­preis an der Börse bei 0 Euro/MWh was zeigt, dass es aus ökono­mi­scher und ökolo­gi­scher Sicht eine nachvoll­zieh­bare Entschei­dung war.

Wie sieht die Entwick­lung von negativen Strom­preisen in Deutsch­land aus? 

In den letzten Jahren hat die Häufig­keit negativer Strom­preise zugenommen. Dies ist vor allem auf den Ausbau der erneu­er­baren Energien und die damit verbun­dene Volati­lität der Strom­erzeu­gung zurück­zu­führen. Während negative Strom­preise früher eine Selten­heit waren, treten sie heute häufiger auf, insbe­son­dere an Wochen­enden und Feier­tagen, wenn die Nachfrage gering (weil Strom­be­darf durch Indus­trie, Büros oder Betriebe wegfällt) und die Erzeu­gung aus erneu­er­baren Quellen hoch ist. Das zeigt auch die Grafik zur Entwick­lung der jährli­chen Stunden mit negativen Strom­preisen seit 2015.
Quelle Grafik: 1komma5

Negative Stunden 2019-2025_22

Dass negative Strom­preise immer häufiger auftreten, liegt haupt­säch­lich an mangelnder Flexi­bi­lität konven­tio­neller Kraft­werke. In den Stunden, in denen die Erzeu­gung aus Erneu­er­baren hoch ist, wird thermi­sche Kapazität weniger benötigt. An diese neue Realität passen sich viele konven­tio­nelle Kraft­werke nur sehr langsam an und produ­zieren nach wie vor wenig preis­e­las­tisch bzw. sind nicht in der Lage, ihre Produk­tion schnell genug an die schwan­kende Einspei­sung aus erneu­er­baren Energien anzupassen. Wenn also Phasen hoher Erzeu­gung aus Erneu­er­baren auf eine geringe Nachfrage treffen, fallen die Preise stark.

Die nachfol­gende Grafik verdeut­licht durch den Vergleich zweier Jahre ebenfalls nochmal die enorme Entwick­lung der Stunden mit negativen Strom­preisen.
Quelle Grafik: bhkw-infozentrum.de

Wann treten negative Strom­preise auf? 

Negative Strom­preise treten typischer­weise in Zeiten geringer Nachfrage und hoher Einspei­sung erneu­er­barer Energien auf. Beson­ders windige und gleich­zeitig sonnige Tage im Frühjahr und Herbst sind daher präde­sti­niert für negative Strom­preise, da die Erzeu­gung aus Wind- und Solar­an­lagen dann überpro­por­tional hoch ist. Wenn zusätz­lich auch noch der Strom­ver­brauch, also die Nachfrage an Strom, gering ist, wie es zum Beispiel beson­ders an Wochen­enden, Feier­tagen wie Ostern oder Pfingsten oder nachts bzw. in den frühen Morgen­stunden der Fall ist, dann bestärkt es das oben erklärte Szenario. Im Juli 2024 gab es in Deutsch­land 81 Stunden mit negativen Strom­preisen, das ist der neuste Rekord (Quelle: bhkw-infozentrum.de). Negative Strom­preise sind kein rein deutsches Phänomen. Auch in anderen Ländern mit hohem Anteil erneu­er­barer Energien, wie Dänemark oder Spanien, treten sie auf.

Wie können negative Strom­preise verhin­dert werden? 

Auf einem modernen Strom­markt sind negative Strom­preise Ausdruck des ganz normalen Markt­ge­sche­hens. Um negative Strom­preise zu verhin­dern, sind verschie­dene Maßnahmen denkbar:

  • Eine Möglich­keit ist der Ausbau der Netzin­fra­struktur, um den Strom­trans­port von Erzeu­gungs- zu Verbrauchs­zen­tren zu verbessern.
  • Auch die Flexi­bi­li­sie­rung der Nachfrage, z.B. durch Lastma­nage­ment und die Nutzung von Smart Grids, kann helfen, das Gleich­ge­wicht zwischen Angebot und Nachfrage zu verbessern.
  • Die Erhöhung der Flexi­bi­lität gilt nicht nur für die Verbrau­cher­seite, sondern auch für die Erzeuger. Flexible Erzeu­gungs­an­lagen und Speicher­tech­no­lo­gien können dabei unter­stützen, die Volati­lität der erneu­er­baren Energien auszu­glei­chen und negative Strom­preise zu vermeiden.
  • Auch wenn wir bereits in einem modernen Strom­markt leben, muss es zur Eindäm­mung negativer Strom­preise eine eher langfris­tige Umgestal­tung unseres Strom­sys­tems geben. Das Stich­wort für diese Restruk­tu­rie­rung lautet unter anderem auch Sektor­kopp­lung, also die Verknüp­fung der Strom-, Wärme- und Mobili­täts­sek­toren. Sie kann dazu beitragen, negative Strom­preise zu reduzieren. Maßnahmen sind hier unter anderem vermehrter grenz­über­schrei­tender Strom­handel, das Abschalten unfle­xi­bler konven­tio­neller Kraft­werke, der Aufbau von Speicher­ka­pa­zi­täten, Verbes­se­rungen in den Prognosen hinsicht­lich PV- und Wind Einspei­sung und schluss­end­lich auch der Übergang hinsicht­lich erneu­er­barer Energien weg vom staat­lich geför­derten, hin zu einem markt­wirt­schaft­li­chen Umfeld.

Was sind die Folgen und Kosten von negativen Strom­preisen in der Direktvermarktung? 

Für Betrei­bende von Anlagen, die ihren Strom direkt vermarkten, können negative Strom­preise zu finan­zi­ellen Verlusten führen. In Zeiten von Negativ­stunden müssen sie unter Umständen Geld zahlen, um ihren Strom ins Netz einspeisen zu dürfen. Dies kann die Renta­bi­lität der Anlagen beein­träch­tigen und erfor­dert eine sorgfäl­tige Planung und Steue­rung der Erzeu­gung. Flexi­bi­li­täts­op­tionen wie die tempo­räre Abschal­tung von Anlagen (markt­be­dingte Abrege­lung) oder die Nutzung von Batte­rie­spei­chern können helfen, die Auswir­kungen negativer Preise zu minimieren.

Wann entfällt die EEG-Vergü­tung bei negativen Strom­preisen gemäß § 51?

§ 51 des Erneu­er­bare-Energien-Gesetzes (EEG) regelt die Verrin­ge­rung des Zahlungs­an­spruchs bei negativen Spotmarkt­preisen. Für EEG-geför­derte Anlagen bedeutet dies: Wenn der Strom­preis an der Börse über einen bestimmten Zeitraum negativ ist, entfällt die Markt­prämie – der sogenannte „anzule­gende Wert“ wird auf null gesetzt.

Ziel der gesetz­li­chen Regelung ist es, die Markt­in­te­gra­tion von erneu­er­baren Energien zu fördern und Anreize für eine stärkere Ausrich­tung der Strom­pro­duk­tion an die tatsäch­liche Nachfrage zu schaffen.

Die Regelung zur Verrin­ge­rung des Zahlungs­an­spruchs bei negativen Spotmarkt­preisen wurde erstmals für bestimmte Neuan­lagen ab 2016 einge­führt („6 Stunden Regelung“). Seit der Einfüh­rung wurde die Regelung mehrfach verschärft, um Kosten zu begrenzen und die Branche der Erneu­er­baren stärker in die Verant­wor­tung zu nehmen. Während anfangs nur längere Phasen negativer Preise relevant waren, wurde die Schwelle im Laufe der Jahre immer weiter abgesenkt. Mit der Novelle des EEG (Februar 2025) wurde die Regelung nochmals verschärft: Für Neuan­lagen entfällt der Förder­an­spruch nun vollständig, sobald negative Strom­preise auftreten – unabhängig von deren Dauer. Hiervon ausge­nommen sind weiterhin neue Klein­an­lagen (instal­lierte Leistung < 100 kW), sofern sie nicht mit intel­li­genten Messsys­temen ausge­stattet sind.

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Lohnt es sich noch in der jetzigen Situa­tion mit Negativ­stunden PV-Anlagen zu bauen? 

Trotz der negativen Strom­preise lohnt sich der Bau von Photo­vol­ta­ik­an­lagen weiterhin. Die Einspei­se­ver­gü­tung und die Möglich­keit des Eigen­ver­brauchs machen PV-Anlagen nach wie vor attraktiv. Zudem können moderne PV-Anlagen mit Batte­rie­spei­chern kombi­niert werden, um überschüs­sigen Strom zu speichern und bei Bedarf zu nutzen. Dies reduziert die Abhän­gig­keit von negativen Strom­preisen und erhöht die Wirtschaft­lich­keit der Anlagen.

Wie wirkt sich die Entwick­lung der negativen Strom­preise in Deutsch­land auf Batte­rie­spei­cher aus? 

Die zuneh­mende Häufig­keit negativer Strom­preise erhöht die Attrak­ti­vität von Batte­rie­spei­chern. Diese können überschüs­sigen Strom speichern und zu Zeiten hoher Nachfrage und höherer Preise wieder ins Netz einspeisen. Dadurch können Betreiber von Erzeu­gungs­an­lagen ihre Einnahmen optimieren und die negativen Auswir­kungen von Strom­preis-Schwan­kungen abfedern. Batte­rie­spei­cher tragen zudem zur Netzsta­bi­lität bei und unter­stützen die Integra­tion erneu­er­barer Energien.

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