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Redis­patch 2.0 - Was Anlagen­be­trei­bende jetzt wissen müssen

Lesezeit: 5 Minuten
Zum 1. Oktober 2021 kommt im Zuge der zweiten Auflage des Netzausbau-Beschleu­ni­gungs­ge­setzes (NABEG 2.0) der Redis­patch 2.0 und stellt insbe­son­dere Verteil­netz­be­treiber (VNB), aber auch weitere Energie­ak­teure vor große Verän­de­rungen. VNB sind dann mit Einfüh­rung des Redis­patch 2.0 durch die Bundes­netz­agentur dazu verpflichtet, sich an der Engpass-Behebung der Netze zu betei­ligen und damit einen wesent­li­chen Beitrag zur System­sta­bi­lität zu leisten. Der Vorrang von Erneu­er­bare-Energien-Anlagen bei der Strom­ein­spei­sung wird mit den neuen Regelungen erstmals relati­viert, indem die vorran­gige Einspei­sung an Bedin­gungen geknüpft wird. In diesem Blogbei­trag zeigen wir Ihnen die Gründe für die Novel­lie­rung des Redis­patch auf und gehen auf die Änderungen für Verteil­netz­be­treiber und Anlagen­be­trei­bende ein. 

Was bedeutet Redispatch?

Unter Redis­patch versteht man die Änderung des Dispatches, also der Kraft­werks­ein­satz­pla­nung. Kraft­werks­be­trei­bende melden täglich ihre Einsatz­pla­nung für den Folgetag an den Übertra­gungs­netz­be­treiber (ÜNB). Diese Meldung erfolgt mittels „Fahrplänen“, welche für jede Viertel­stunde des Folge­tages die geplante Energie­pro­duk­tion beinhalten. Durch diese Infor­ma­tionen wird aufge­zeigt, welches Kraft­werk zu welchem Zeitpunkt wie viel Leistung ins Netz einspeisen wird. Auf Basis dessen werden Netzzu­stands­ana­lysen getätigt, die Engpässe oder kurzfristig bevor­ste­hende Überlas­tungen des Netzes aufzeigen. In einem solchen Fall ordnet der ÜBN eine Änderung des „Fahrplans” der Kraft­werke gemäß dem Energie­wirt­schafts­ge­setz (ENWG) an. An dieser Stelle spricht man dann von der Festle­gung des sogenannten Redis­patch, in dessen Zuge also Eingriffe zur Anpas­sung der Wirkleis­tungs­ein­spei­sung von Kraft­werken getätigt werden. Regio­nale Überlas­tungen bzw. Netzeng­pässe einzelner Leistungs­ab­schnitte im Übertra­gungs­netz können mit Hilfe dieses Vorgangs verhin­dert oder besei­tigt werden.

Warum braucht es einen Redis­patch 2.0?

Als oberstes Ziel gilt jeder­zeit die Erhal­tung der Netz- und System­sta­bi­lität. Auch Netzun­ter­bre­chungen müssen vermieden werden, um eine sichere Versor­gung der Verbraucher*innen mit Strom zu gewähr­leisten. Wird zur gleichen Zeit zu viel Kraft­werks­leis­tung in das Netz einge­speist, droht das Netz an die Grenzen seiner techni­schen Leistungs­fä­hig­keit zu kommen. Die Synchro­ni­sa­tion von Angebot und Nachfrage im Strom­netz wird jedoch zuneh­mend zur Heraus­for­de­rung. Gründe dafür sind:

  • die Integra­tion europäi­scher Strommärkte
  • Verzö­ge­rungen im Netzausbau
  • der Ausstieg aus der Kernenergie
  • verän­derte Lastflüsse durch den Ausbau erneu­er­barer Energien sowie
  • die verschär­fende Situa­tion des Windparkaus­baus im Norden und dem Abschalten von konven­tio­nellen Kraft­werken im Süden.

Was daraus folgt sind immer häufiger vorzu­neh­mende Redis­patch-Maßnahmen, sodass in den kommenden Jahren weiterhin mit erhöhtem Redis­patch-Bedarf zu rechnen ist. Gleich­zeitig haben Übertra­gungs­netz­be­treiber immer weniger Spiel­raum, um die Redis­patch-Maßnahmen umzusetzen. Der Redis­patch 2.0 soll nun durch neue Regelungen zur Bewirt­schaf­tung von Netzeng­pässen Abhilfe schaffen.

Was ist das Ziel des Redis­patch 2.0?

Das überge­ord­nete Ziel des Redis­patch 2.0 fokus­siert sich auf die kosten­güns­ti­gere und diskri­mi­nie­rungs­freie Besei­ti­gung von planbaren und nicht planbaren Netzeng­pässen im lokalen und regio­nalen Raum. Die Netzfüh­rung soll folglich optimiert und Kosten für die Behebung von Netzeng­pässen reduziert werden.

Welche Änderungen bringt der Redis­patch 2.0?

Die Einfüh­rung des Redis­patch 2.0 wird dazu führen, dass mehr Akteure eine Verschie­bung ihrer geplanten Strom­pro­duk­tion zur Vermei­dung von Netzeng­pässen vornehmen werden (müssen) als heute. Momentan sind es nur konven­tio­nelle Kraft­werke, die eine solche Verschie­bung auf Basis von Anfor­de­rungen der ÜNB umsetzen. Zukünftig müssen seitens der Netzbe­treiber auch Anlagen der Erneu­er­baren Energien und KWK-Anlagen im Redis­patch-Prozess berück­sich­tigt werden.
Eine weitere zentrale Änderung, die der Redis­patch 2.0 mit sich bringt und die Anzahl der betrof­fenen Anlagen zusätz­lich erhöhen wird, ist, dass mit dem Redis­patch 2.0 alle Anlagen ab 100 kW mitein­be­zogen werden. Zuvor waren nur Anlagen > 10 MW von den Maßnahmen betroffen.
Verteil­netz­be­treiber werden eine gänzlich neue Rolle im Redis­patch erhalten.

Die neuen Aufgaben der VNB sind demnach:

  • tägliche Einspei­se­pro­gnosen
  • netztech­ni­sche Wirksam­keit sicherstellen
  • Flexi­bi­li­täts­be­schrän­kungen an Knoten­punkten berechnen

Zudem müssen Bilan­zie­rung, Bewirt­schaf­tung und Abrech­nung auf die neuen Anfor­de­rungen umgestellt werden.
Die Regelungen zum Einspei­se­ma­nage­ment von Erneu­er­bare-Energien- und KWK-Anlagen werden mit dem Redis­patch 2.0 aufge­hoben. Das System des Einspei­se­ma­nage­ments, wie wir es heute kennen, wird also zum 1. Oktober in den Redis­patch 2.0 überführt.

Auch Anlagen­be­trei­bende bleiben vom Redis­patch 2.0 nicht unver­schont. Eine wesent­liche Aufgabe ist die Mittei­lung der Stamm­daten, Stamm­da­ten­än­de­rungen und Nicht­ver­füg­bar­keiten der Anlage an den Netzbe­treiber. Mit Hilfe dieser Daten ist es möglich, die optimale Abschalt­rei­hen­folge der betrof­fenen Anlagen festzu­legen. Seitens des Gesetz­ge­bers stehen noch nicht alle Einzel­heiten bezüg­lich der Redis­patch 2.0-bezogenen Aufgaben für Anlager­be­trei­bende fest. Sicher ist jedoch, dass Anlagen­be­trei­bende zum Träger zahlrei­cher neuer Pflichten werden und damit deutlich mehr Verant­wor­tung erhalten. Diese Verant­wor­tung kann jedoch auf einen Einsatz­ver­ant­wort­li­chen, z.B. das Virtu­elle Kraft­werk als Direkt­ver­markter, übertragen werden. Anlagen­be­trei­bende, die ab dem 1. Oktober nicht selbst in der Pflicht stehen möchten, müssen dann einen Einsatz­ver­ant­wort­li­chen benennen, der diese Pflichten für sie übernimmt.

Ablauf Redispatch 2.0

Welche Anlagen werden zum Redis­patch 2.0 herangezogen?

Ledig­lich konven­tio­nelle Kraft­werke werden bislang beim Redis­patch vonseiten der ÜBN in die Verant­wor­tung genommen. Erneu­er­bare Energien hingegen spielen beim derzei­tigen Netzeng­pass­ma­nage­ment nur dann eine Rolle, wenn sie im Zuge des Einspei­se­ma­nage­ments (EinsMan) abgere­gelt werden. Konkret bedeutet das: Anlagen der Erneu­er­baren Energien dürfen erst dann über das Einspei­se­ma­nage­ment abgere­gelt werden, wenn alle konven­tio­nellen Möglich­keiten vollends über das Redis­patch erschöpft sind.
Durch den Redis­patch 2.0 sollen jedoch die Kosten im Gesamt­system sinken, indem man die im Rahmen des Netzeng­passes geregelten Mengen auf ein Minimum reduziert. Hier kommen die Erneu­er­baren Energien ins Spiel, schließ­lich können diese deutlich effizi­enter bei der Abrege­lung einge­setzt und die steigenden Kosten der Redis­patch-Maßnahmen somit wieder gesenkt werden.

Warum ist das so? Dezen­trale Erneu­er­bare-Energien-Anlagen liegen durch ihren indivi­du­ellen Standort oftmals näher am Netzeng­pass und sind deshalb poten­ziell besser dafür geeignet diesen zu besei­tigen. Im Zuge des Redis­patch 2.0 werden also auch Erneu­er­bare-Energien-Anlagen und KWK-Anlagen sowie Anlagen, die jeder­zeit durch einen Verteil­netz­be­treiber fernsteu­erbar sind, in den Prozess involviert.

Ist die Teilnahme am Redis­patch 2.0 für Erneu­er­bare-Energien-Anlagen verpflichtend?

Folgende Anlagen sind verpflichtet, am Redis­patch 2.0 teilzunehmen:

  • Erneu­er­bare-Energien-Anlagen mit instal­lierter Leistung > 100 kW
  • KWK-Anlagen mit instal­lierter Leistung > 100 kW
  • Anlagen < 100 kW, sofern diese bereits durch einen Netzbe­treiber gesteuert werden können

Konven­tio­nelle Erzeu­gungs­an­lagen sollen auch in Zukunft primär heran­ge­zogen, d.h. zur Vermei­dung von Netzeng­pässen abgere­gelt, werden. Auf Erneu­er­bare-Energien-Anlagen wird dann zurück­ge­griffen, wenn ihre Regelung um den Faktor 10 günstiger ist als die Regelung konven­tio­neller Anlagen. Auf KWK-Anlagen wird zurück­ge­griffen, wenn ihre Regelung um den Faktor 5 günstiger ist als die Regelung einer konven­tio­nellen Anlage. Der indivi­du­elle Standort der dezen­tralen Anlagen bekommt dadurch zuneh­mende Bedeu­tung. Zudem ist davon auszu­gehen, dass auch Photo­vol­taik- und Biogas­an­lagen zukünftig vermehrt vom Manage­ment der Netzeng­pässe betroffen sein werden.

Wie werden Erneu­er­bare-Energien-Anlagen entschä­digt, wenn sie im Rahmen des Redis­patch 2.0 abgere­gelt werden? 

Im Falle der Redis­patch-Aktivie­rung einer Erneu­er­bare-Energien-Anlage wird diese entspre­chend vergütet. Anlagen­be­trei­bende erhalten dann für den Einsatz ihrer Anlage zur Netzeng­pass­be­wirt­schaf­tung eine Entschä­di­gung, die etwa der Höhe des Vergü­tungs­ver­lustes entspre­chen soll. Damit bringen die Regelungen keine finan­zi­ellen Nachteile für Anlagen­be­trei­bende. Direkt­ver­mark­tern bzw. Bilanz­kreis­ver­ant­wort­liche sind hingegen durch steigende Aufwände bei der Abrech­nung und Bilan­zie­rung der Anlagen auch finan­ziell vom Redis­patch betroffen. 

Wie verläuft die Steue­rung einer Anlage im Falle eines Abrufs im Redis­patch 2.0?

Bei konven­tio­nellen Kraft­werken ist die Sache klar. Die ÜNB weisen die Kraft­werks­be­treiber an, welche daraufhin ihr Kraft­werk hoch- oder runter­re­geln. Bei Erneu­er­bare-Energien- und KWK-Anlagen gibt es hingegen zwei Modelle zu beachten:

Im „Duldungs­fall“ schickt der anwei­sende VNB das Anfor­de­rungs­si­gnal an die Anlage und steuert die Anlage selbst. Die Anlage wird also durch den VNB hoch- oder runtergeregelt.

Beim „Auffor­de­rungs­fall“ übergibt der VNB eine Sollwert-Anwei­sung als Signal an den Einsatz­ver­ant­wort­li­chen, z.B. ein virtu­elles Kraft­werk, und dieser übernimmt anschlie­ßend die Hoch- oder Runter­re­ge­lung der Anlage entlang des Signals. Das Virtu­elle Kraft­werk (Direkt­ver­markter) agiert in diesem Fall als Dienst­leister für die Anlagenbetreibenden.

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Ines Lemberger

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