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Netzdienlichkeit verstehen: Fahrweise von Batteriespeichern und Auswirkungen auf die Netzstabilität

Lesezeit: 5 Minuten

Inhaltsverzeichnis

Der Begriff „Netzdienlichkeit“ wird in energiewirtschaftlichen Diskussionen aktuell häufig verwendet, insbesondere im Zusammenhang mit möglichen Maßnahmen zum Umgang mit Netzengpässen durch Netzbetreiber. Besonders im Kontext von Großbatteriespeichern (BESS) wird der Begriff immer wieder aufgegriffen und von den unterschiedlichsten Akteuren diskutiert: Sind Batteriespeicher netzdienlich? Doch was bedeutet Netzdienlichkeit eigentlich? Und worin unterscheidet diese sich von markt- oder systemdienlichem Verhalten?

Hilfebereich

Bislang existiert keine offizielle, einheitliche Definition (Stand Anfang 2026). Stattdessen finden sich unterschiedliche Auffassungen von Netzdienlichkeit, die je nach Kontext leicht variieren. Grundsätzlich geht es darum, ob die Fahrweise der Anlagen bestehende Netzengpässe weiter verschärft, das Netz also belastet, oder es doch entlastet. 

Diese Interpretationen von Netzdienlichkeit beziehen sich, vor allem seitens der Netzbetreiber, meist auf die Auswirkungen auf die Netzkosten, insbesondere in Form von Redispatchkosten (d.h. die Kosten für kurzfristige Eingriffe in die Einsatzplanung der Anlagen). Diese Akteure operationalisieren Netzdienlichkeit also darüber, ob Kosten für Redispatch vermieden oder verursacht werden. Dabei sind verschiedene Maßnahmen gegen Netzbelastung beziehungsweise zur Kostensenkung derzeit Gegenstand der Diskussionen. Daher wollen wir in diesem Artikel den aktuellen Diskussionsstand sowie die jeweiligen Standpunkte beteiligter Akteure, insbesondere von Netzbetreibern sowie Batteriebetreibern und -vermarktern, darstellen und einordnen, um das Verständnis der Debatte zu erleichtern. Der Artikel spiegelt somit den Stand der Debatte zum Anfang 2026 wider und wird laufend aktualisiert.

Perspektive der Netzbetreiber: Netzdienlichkeit von Batteriespeichern als Beitrag zur Netzstabilität?

Übertragungsnetzbetreiber (ÜNBs) betreiben das Höchstspannungsnetz und Verteilnetzbetreiber (VNBs) die Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze. ÜNBs gewährleisten den überregionalen Stromtransport von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchszentren, während VNBs für die regionale Verteilung von Strom bis zu den Endverbrauchern und dezentralen Erzeugungsanlagen verantwortlich sind. Die Netzbetreiber sorgen damit für die Stabilität des deutschen Energieversorgungssystems. Damit dies gelingt, müssen sie das Netz kontinuierlich überwachen, indem sie Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit ausgleichen sowie Netzengpässe durch geeignete Maßnahmen wie Redispatch vermeiden. Grundvoraussetzung für einen stabilen Netzbetrieb ist damit, dass Stromerzeugung und Stromverbrauch zu jedem Zeitpunkt im Gleichgewicht stehen.

Redispatch als zentrales Instrument des Netzengpassmanagements

Treten Abweichungen auf, greifen ÜNBs steuernd in den Betrieb ein. Insbesondere bei auftretenden Netzengpässen kommen sogenannte Redispatch-Maßnahmen zum Einsatz, indem die Einspeisung einzelner Erzeugungsanlagen gezielt angepasst wird. Dabei kann es beispielsweise notwendig sein, konventionelle Kraftwerke oder EE-Anlagen in bestimmten Regionen vorübergehend herunter- oder hochzufahren, um Überlastungen im Netz zu vermeiden und somit die Netzstabilität zu gewährleisten. Diese Eingriffe sind jedoch mit Kosten verbunden. Vor diesem Hintergrund wird intensiv diskutiert, wie eine netzdienliche Fahrweise der Anlagen erreicht werden kann, um den Bedarf an solchen Redispatch-Maßnahmen zu reduzieren.

Batteriespeicher im Spannungsfeld von Markt- und Netzanforderungen

Batteriespeicher werden in diesem Zusammenhang aus Sicht der Netzbetreiber in der Regel kritisch betrachtet. Speicher orientieren sich in ihrer Fahrweise heute an Preissignalen. Sie reagieren lediglich auf Marktpreise, indem sie bei niedrigen Preisen Strom vom Day-Ahead- oder Intraday-Markt beziehen bzw. einspeichern und bei hohen Preisen den gespeicherten Strom verkaufen bzw. in das Netz einspeisen (Arbitrage). Diese Preissignale spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die lokale Netzsituation wider, da die Marktpreise bundesweit einheitlich über eine Preiszone gebildet werden und nicht die spezifischen lokalen Gegebenheiten vor Ort im jeweiligen Netzgebiet abbilden. Infolgedessen kann es vorkommen, dass Batteriespeicher in Zeiten hoher Preise Strom in bereits stark belastete Netzbereiche einspeisen, obwohl aus netztechnischer Sicht eine Entlastung erforderlich wäre.

Zudem können Batteriespeicher ihre Fahrweise sehr kurzfristig verändern, was aus Sicht der Netzbetreiber die Planbarkeit des Betriebs erschwert. Daher betonen sie die Notwendigkeit größerer Vorhersehbarkeit, zum Beispiel mithilfe von regulatorischen Rahmenbedingungen. Da es hier noch Lücken gibt, versuchen viele Netzbetreiber, Batteriespeicher selbst netzdienlich auszugestalten. Gemeint sind damit verschiedene Vorgaben der Netzbetreiber in der Fahrweise des Speichers. Dazu zählen beispielweise die Limitierung der Menge an vermarktbarer Regelleistung oder die zeitliche Vorgabe von festen Einspeise- oder Bezugszeiträumen. Auch Cooldown-Zeiten zwischen Vollladezyklen, die Bereitstellung von Blindleistung bei Aufforderung des Netzbetreibers sowie sogenannte Rampenbegrenzungen, also reduzierte Leistungsgradienten der Anlagen gehören dazu. Letztere sollen sicherstellen, dass Batteriespeicher ihre Leistung nur begrenzt schnell erhöhen oder reduzieren dürfen, das heißt, nach Preissignalen mit einer festgelegten Rampenrate nur begrenzt schnell hoch- und abfahren, um Systemungleichgewichte abzumildern. Diese Restriktionen können je nach Netzbetreiber und Netzgebiet sehr individuell sein, einen Standard gibt es hier nicht.

Perspektive der Batteriebetreiber und -vermarkter: Netzdienlichkeit aus marktwirtschaftlicher Sicht?

Aus Sicht der Batterievermarkter ist eine hohe Flexibilität der Fahrweise von Speichern unverzichtbar. Eine marktdienliche Betriebsweise, bei der die Speicher auf Preissignale reagieren, ist heute entscheidend für die wirtschaftliche Rentabilität von Speicherprojekten. Denn durch das Laden in Zeiten niedriger Strompreise und das Einspeisen bei hohen Preisen werden Erlöse erzielt, die den wirtschaftlichen Betrieb von Batteriespeichern erst ermöglichen. Preise spiegeln lediglich das Marktgeschehen wider: ein hoher Strompreis deutet auf ein knappes Angebot am Markt hin, sodass Einspeisung ins Netz bzw. ein geringer Bezug benötigt wird. Ein niedriger Preis signalisiert großes Angebot, also ist weniger Einspeisung ins Netz und mehr Bezug sinnvoll.

Zudem ist der Zielkonflikt zwischen markt- und netzdienlicher Fahrweise nicht zwingend auf technische Einschränkungen der Batteriespeicher zurückzuführen, sondern eine Folge des bestehenden Marktdesigns. Informationen über lokale Netzengpässe oder regionale Netzbelastungen sind bislang nicht Bestandteil der Strommarktpreise. Entsprechend können Speicher diese Signale auch nicht in ihrer Fahrweise berücksichtigen, sodass die Ursache der Spannungen nicht in der Batterietechnologie selbst liegt.

Batteriespeicher

 

Speicher sind nach wie vor ein zentraler Baustein der Energiewende. Sie können durch ihre Flexibilität den kostenintensiven Netzausbaubedarf senken, indem sie Energie dort bereitstellen, wo sie kurzfristig benötigt wird. Anwendungen wie zum Beispiel die Nutzung eines Netzverknüpfungspunktes für mehrere Anlagen (Cable-Pooling) ermöglichen es, Netzbelastungen zu reduzieren und bestehende Infrastruktur effizienter zu nutzen. Indem sie systemdienlich sind, also Systemdienstleistungen wie Regelenergie bereitstellen, tragen sie auch zur Stabilisierung von Netzfrequenz und Netzbetrieb bei.

Wie geht die Diskussion über Netzdienlichkeit weiter?

Unser Beitrag bietet lediglich einen Einblick in den aktuellen Markt und Diskussionsstand, um die Situation verständlich darzustellen – ohne Anspruch auf abschließende Bewertung. Die Diskussion über Netzdienlichkeit und einheitlich geregelte Beschränkungen des Batteriespeicherbetriebs dürfte weitergehen, da sowohl technische als auch regulatorische Fragen weiter offen sind. Die Thematiken werden in den Diskussionen auch im Zusammenhang mit anderen Aspekten, wie dem generellen Strommarktdesign oder dem intensiv diskutierten Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom (AgNes) zur verursachungsgerechten Verteilung der Netzentgelte betrachtet. Zukünftig geht es jedoch insgesamt darum, Lösungen zu finden, die Netzbetreibern Planbarkeit bieten, gleichzeitig aber die Flexibilität der Vermarkter bewahren, denn Batteriespeicher sind ein wichtiger Baustein, um erneuerbare Energie effizient zu nutzen und das Stromsystem stabil zu halten.

Für Anlagenbetreiber bedeutet dies künftig, neben der Prüfung der technischen und genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen ihres Projekts auch die Auswirkungen der Auflagen zur netzdienlichen Fahrweise auf Erlöse und Wirtschaftlichkeit zu beachten. Genau hier setzen wir als Vermarkter an: Unsere Algorithmen für die Batteriespeicher berücksichtigen die wichtigsten Restriktionen wie Rampenvorgaben, Zyklusrestriktionen oder Pausenzeiten. Trotzdem ist jedes Projekt individuell und von vielen Faktoren abhängig. Eine enge Abstimmung mit dem Vermarkter ist daher entscheidend, um die einzelnen Anforderungen optimal anzupassen und die Flexibilität bestmöglich zu nutzen.

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Kamilla Berentei

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